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Die Geschichte des Obstlers

Die Geschichte des Obstlers

Was vermutlich in Indien begann und erst einmal so gar nichts mit trinkbaren Ergebnissen zu tun hatte, das wurde im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr ein Kunstwerk. So steht zu vermuten, dass im 12. Jahrhundert durch die Schule von Salerno in Italien erstmals ein alkoholisches Getränk destilliert wurde. Nach den Mönchen in christlichen Klöstern nahmen sich Alchemisten der Destillierkunst an, und ihnen folgten im 14. Jahrhundert Branntweine, die von Apothekern und Ärzten hergestellt wurden. Zu jener Zeit gerieten auch die schriftlichen Erwähnungen von aqua vitae / Lebenswasser in Umlauf. Unklar ist, ob hier wirklich ein Obstler entstand, denn es steht zu vermuten, dass man sich eher den Kräutern und anderen pflanzlichen Komponenten als den Früchten widmete. Die Pestepidemie zog beispielsweise Experimente mit Wacholderdestillaten (und später Gin) nach sich. Im mitteleuropäischen Raum bildeten sich Zünfte von Branntwein-Herstellern.

Spätestens ab dem 15. und 16. Jahrhundert hatte das Destillieren von Alkohol im Alltag Einzug gehalten und wurde nicht nur von bestimmten Berufsgruppen oder zu medizinischen Zwecken ausgeübt. Diese Zeit gilt als die Anfangsphase von Obstbränden und Obstler, denn die Bevölkerung wurde zunehmend experimentierfreudig und strebte danach, lokal bzw. regional verfügbare Rohstoffe in ein alkoholhaltiges Getränk umzuwandeln. Man konnte sich nun auf literarische Nachschlagwerke verlassen, es wurde in manchen Ländern wie in Österreich eine Branntweinsteuer erhoben, und der Begriff Alkohol etablierte sich dank Paracelsus. Der Fortschritt bei der Brenntechnik und das Streben nach neuen Ergebnissen führten im Laufe des 16. Jahrhunderts dazu, dass die Weinbrände und Obstbrände von den Getreidebränden abgelöst wurden. Der Kornbrand hielt im mitteleuropäischen Raum Einzug. Rohstoffe wie Melasse und Zuckerrohrsaft sowie Getreide aller Art wurden im internationalen Rahmen in den nachfolgenden Jahrhunderten ebenfalls gebrannt.

Interessanterweise hielten jedoch in Ländern wie Deutschland und Europa die alteingesessenen Betriebe an den Obstbränden fest. Regionen, die schon im Mittelalter untrennbar mit der Herstellung von Edelbränden auf fruchtiger Basis verbunden waren, blieben Obstler und Co. weiterhin treu. Zwar gewannen Branntweine aller Art im 18. Jahrhundert immer mehr an Beliebtheit, doch sie wurden in großen Mengen, mit teilweise nur wenig Fachwissen und unter Benutzung von Obst, das zu minderwertig für eine andere Verwendung war, hergestellt. Diese relativ niedrige Qualität hielt bis ins 19. Jahrhundert an. Erst vor rund 100 bis 50 Jahren legte man das Hauptaugenmerk auf die Qualitätsverbesserung von Obstler und Obstbränden und achtete sowohl auf erlesene Rohstoffe als auch auf verfeinerte Destillationsvorgänge. Man dachte sich die Veredelung durch eine Lagerung im Holzfass aus.

Die Geschichte des Obstlers war seit jeher mit einem gewissen Brauchtum verbunden und auch dies führte zu gewissen Einschränkungen. So war es bis vor Kurzem reine Männersache, Schnaps und Obstler zu brennen. Den Frauen war die Ernte der Früchte vorbehalten. Außerdem brannten die meisten nur im Winter, weil sie dann genügend Zeit hierfür hatten und nicht auf dem Feld gebraucht wurden. Des Weiteren ließ es sich beobachten, dass meist die Bauern selbst brannten bzw. dass die Brennereien Obst aus dem eigenen Anbau nutzten. Heutzutage hingegen liegt oft der Fokus nur auf dem Brennen von Obstler, Geisten, Likören und teilweise anderen Spirituosen, und es wird teilweise in großen Mengen Obst von Lieferanten bezogen. Gebrannt wird das ganze Jahr über, wobei manche Destillerien saisonale Spezialitäten auf den Markt bringen bzw. zu bestimmten Jahreszeiten jeweils andere Früchte verarbeiten. Der Obstler hat es im Laufe seiner Geschichte geschafft, als Klassiker zu überdauern und zur Perfektion gebracht zu werden.